Kolumne

Kabarettist und Anwalt Dr. Markus Hegelein beschreibt in seiner Kolumne "Aus dem Leben eines Jungjuristen" den Anwaltsberuf mit einem kleinen Augenzwinkern und eröffnet dabei mitunter auch Sichtweisen, die zum Nachdenken anregen.


Möbel, Müsli und Mandate – alles online oder was?

Wenn es in der Anwaltswelt gerade ein „Buzzword“ gibt, dann ist es „Legal Tech“. Wobei, Reizwort trifft es bei vielen Kollegen wohl eher.

Legal Tech – Fluch oder Segen?

Ich war vor kurzem zu einer Marketingveranstaltung eines großen deutschen Verlagshauses und Anbieters juristischer Literatur eingeladen. Thema der Veranstaltung einmal mehr: Legal Tech.

Recht offensichtlich war ich im gut gefüllten Saal einer der jüngsten. Nicht dass ich mich mit meinen knapp Mitte dreißig als Digital Native bezeichnen würde, aber immerhin schreibe ich E-Mails, seit ich 14 bin. Das Tuten der Telefonleitung, das sich mit dem Rauschen abwechselte, wenn sich Mitte der Neunziger mein T-Online-Anschluss um eine Verbindung in das World Wide Web bemühte, klingt bis heute in meinem Kopf nach.

Das Alter der Kollegen, die mit mir an der Veranstaltung teilnahmen, dürfte im Schnitt bei um die, vielleicht auch eher über 50 gelegen haben. Nicht dass das in irgendeiner Weise despektierlich klingen soll. Im Gegenteil! Manchmal wünschte ich, ich hätte schon die Berufserfahrung eines 15 Jahre älteren Kollegen und würde mich von unverschämten Gegenanwälten, verbohrten Richtern und unverständlichen Zwangsvollstreckungsrechtsmitteln nicht so leicht aus der Ruhe bringen lassen.

Aber in Zeiten der Digitalisierung, der Disruption und des Darknets habe ich den Eindruck, dass die Erfahrung der Kollegen momentan wenig weiterhilft. Denn ob nun 15, 25 oder 35 Jahre Berufserfahrung – eines fiel mir während der Veranstaltung wie Schuppen von den Augen. Es herrschte in den Augen des Publikums augenscheinlich vor allem eines: Angst. Angst vor der Technik. Angst vor der Transparenz. Angst vor dem Preissturz.

„Die Prüfung eines Arbeitsvertrags kostet bei mir 1.500 EUR. Im Internet hat ein Kollege die Leistung für 150 EUR angeboten und den Zuschlag bekommen“, stöhnt einer der Kollegen mit hochgezogenen Augenbrauen, die nur eines sagen: Wie kann sowas sein? Ein Raunen geht durch das Publikum. Eine andere Kollegin weiß, dass die Pauschalangebote eines großen Online-Marktplatzes für Rechtsberatungsdienstleistungen „illegal“ sind, weil sie „gegen das RVG verstoßen“. „Stimmt nicht“, raunt mir mein Nachbar zu. Unsicherheit, Ungewissheit, Unverständnis sind in den Gesichtern der Kolleginnen und Stirnfalten der Kollegen unzweifelhaft abzulesen.

„Hat schon mal irgendjemand ein Unternehmensmandat über das Internet akquiriert, bei dem a bissle was rumkommt?“ Der Kollege mit schwäbischem Akzent schaut in die Runde. Stille. Vorwurfsvoller Blick, der sagt: Seht ihr, das Internet macht alles kaputt.

Auf dem Nachhauseweg habe ich mich kurze Zeit so gefühlt, wie sich wohl all die Buchhändler fühlen mussten, als es in diesem Internet plötzlich eine Webseite gab, auf der man Bücher online bestellen kann. Wer soll denn bitte sowas machen? Bücher! Und zukünftig soll das auch für Schuhe, Möbel, Müsli gelten? Lächerlich!

Nicht Fluch, nicht Segen, sondern ...

An diesem Abend wurde mir klar, warum Legal Tech zum Reizwort geworden ist. Wenn man 25 Berufsjahre gut ohne Internet klargekommen ist, dann braucht man es im 26. Jahr auch nicht. Aber: Muss alles Neue schlecht sein? Unzählige Branchen wurden durch die Digitalisierung schon auf den Kopf gestellt – kann sich die Anwaltszunft wirklich dagegen wehren? Will sie auch 2020 noch ernsthaft Faxe verschicken?

Vor diesem Abend, an dem ich in so viele ängstliche Augen geschaut habe, habe ich mir nie bewusst Sorgen um meine Zukunft als Anwalt und meinen Beruf in Zeiten der digitalen Transformation gemacht. Vielleicht, weil ich eben keine 25 Jahre Offline-Berufserfahrung habe. Ist das jetzt naiv? Vielleicht.

Eines bleibt aber auch nach diesem Abend für mich klar: ob jung oder alt, berufserfahren oder nicht, ob Mietrecht, Arbeitsrecht oder Wirtschaftsrecht: Digitalisierung und Legal Tech sind eine Chance für alle Kollegen. Eine Chance, sich zu spezialisieren und dabei bundesweit (!) Mandanten zu akquirieren. Eine Chance, skalierbare Dienstleistungen anzubieten. Eine Chance, auch ohne Büro in bester Offline-Lage erstklassige Leistung zu erstklassigen Preisen anzubieten. Es gibt nicht mehr nur das Kanzleischild an der Tür. Die neuen Zauberworte lauten SEO, SEM, YouTube und Weblog.

Wir können uns wundern, bremsen, innehalten. Und uns fragen, ob Anwälte das Internet wirklich brauchen. Die Welt dreht sich schnell. Ich finde, wir sollten uns mitdrehen, und zwar wir alle.

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Dr. Dominik Herzog ist Rechtsanwalt und Kabarettist. Mit seinem Bühnenprogramm „ICH hab’ Recht“ tritt er auf Kabarettbühnen in ganz Deutschland auf. Außerdem gibt er Rechtstipps im TV und coacht Anwälte, Unternehmensjuristen und Führungskräfte in Vortrags- und Präsentationstechniken.